Umgang mit Ghosting durch Mitarbeiter*innen

25.01.2022 | Ein ungewöhnliches Phänomen hat uns die letzten Monate sehr beschäftigt: Innerhalb kurzer Zeit haben gleich zwei Erzieher*innen unseren Träger plötzlich und unerwartet verlassen – und zwar ohne der pädagogischen Leitung, vor allem aber auch: ohne den Kindern und Jugendlichen eine Erklärung für ihr plötzliches Abtauchen zu geben. Mit ihrer schriftlich eingereichten Kündigung haben sie jeweils zeitgleich eine Krankmeldung für die Dauer der Kündigungsfrist vorgelegt. Alle Versuche zur Kontaktaufnahme unsererseits während dieser Kündigungsfrist sind dann gescheitert. Ein abschließendes Gespräch oder gar eine Abschiedsfeier mit den Kindern hat es nicht mehr gegeben.

In der Welt des Onlinedating bezeichnet man dieses Verhalten als „Ghosting“: Eine Person macht sich unsichtbar, oft nach mehreren Wochen des Kontakts, weil der/die Andere nicht den Vorstellungen entspricht, die man sich innerlich gemacht hat. Die Konsequenz ist der radikale Kontaktabbruch, vielfach auch das Löschen der Profile in sozialen Netzwerken oder gar der eigenen Handynummer. In der Psychologie werden Menschen, die andere „ghosten“, als emotional instabile und sozial wenig kompetente Persönlichkeiten beschrieben. Die Angst, in einem persönlichen oder telefonischen Kontakt eigene Schwächen offenlegen, oder sich selbst eingestehen zu müssen, dass es nicht gepasst hat, ist so groß, dass der entstehende, meist irreparable Beziehungsschaden in Kauf genommen wird.

Was zwischen Erwachsenen, sei es in romantischen Beziehungen oder in der Arbeitswelt, traurige Realität ist, hat uns in Bezug auf die Kinder und Jugendlichen zu der Frage geführt, wie wir sie in Zukunft besser vor solchen unerwarteten Beziehungsabbrüchen schützen und auch die dabei unweigerlich entstehenden Retraumatisierungen minimieren können. Diejenigen Kinder und Jugendlichen, die in stationären Settings leben, sind ja bereits traumatisiert durch die Trennung von den Eltern, die auch oft unerwartet, auf Grund des Alters der Kinder zumindest nicht nachvollziehbar erfolgt ist. Sie neigen dazu, sich selbst die Schuld dafür zu geben, wenn erwachsene Bezugspersonen sich aus ihrem Leben verabschieden.

Unsere Lösung besteht darin, mit neuen Mitarbeiter*innen zusätzlich zu ihren Dienstverträgen eine Vereinbarung über die wechselseitigen Rechte und Pflichten bei der Beendigung ihres Dienstverhältnisses abzuschließen. Darin ist unter Anderem geregelt, dass ein angemessener Abschied von den Kindern und Jugendlichen durchgeführt wird, und dieser gemeinsam mit der Einrichtungsleitung und der pädagogischen Leitung des Trägers geplant und entschieden wird. Bei Nichteinhaltung drohen arbeitsrechtliche, im Extremfall auch finanzielle Konsequenzen. Das, was die meisten Kinder im Kindergarten lernen, fassen wir für ausgebildete Erzieher*innen jetzt also in einen Vertrag: Man muss Tschüss sagen, wenn man geht.